Raus aus dem Perfektionismus — ein Weg zu Balance und Zufriedenheit
7. Dezember 2024 · von Dr. med. Daniel Zeiss
Die Ausgangslage
Alex (Name geändert) ist Senior Software Engineer und war die Person, zu der Kolleg:innen gingen, wenn etwas stimmen musste. Bekannt dafür, unter Druck makellose Arbeit zu liefern, und dafür bewundert — und dahinter erschöpft. Ihr Perfektionismus hielt einen Kreislauf in Gang: Überarbeitung, Anspannung, Selbstkritik.
Als sie ins Coaching kam, beschrieb sie das Gefühl, in den eigenen Maßstäben gefangen zu sein. Sie war herausragend in ihrer Rolle und selten zufrieden damit. Die Angst vor einem Fehler überschattete jeden Erfolg.
Wie es sich zeigte
- Übervorbereitung: jede Aufgabe zwei- und dreimal prüfen, Stunden in Details stecken, die sonst niemandem auffallen würden.
- Angst vor dem Scheitern: andere zu enttäuschen war unerträglich, also mied sie Risiken und alles, wo Erfolg nicht sicher war.
- Selbstkritik: Auch wenn etwas gut lief, sah sie, was besser hätte sein können, und ließ keinen Erfolg gelten.
- Ungleichgewicht: Das Streben nach Perfektion griff auf ihr Privatleben über und ließ kaum Raum für anderes.
Das Vorgehen
Wir arbeiteten traumainformiert und verbanden praktische Strategien mit der Aufmerksamkeit für das, was darunter lag.
- Bewusstheit: Alex führte ihren Perfektionismus auf ein Umfeld zurück, in dem Anerkennung an Leistung geknüpft war. Als sie das sah, konnte sie erkennen, dass die innere kritische Stimme nicht ihre eigene war. Danach arbeiteten wir daran, ihre Identität von ihrer Leistung zu trennen.
- Selbstmitgefühl: Tauchte ein selbstkritischer Gedanke auf — „du hast dich nicht genug angestrengt" —, lernte sie innezuhalten und ihn umzuformulieren: „du hast mit der Zeit und Energie, die da war, dein Bestes getan". Ein tägliches Ritual ließ sie abends drei Dinge benennen, die sie an sich schätzte und die nichts mit Arbeit zu tun hatten.
- Grenzen: Nein sagen ohne Schuldgefühl, beginnend im Kleinen — Zeitlimits für Projekte, Abgeben, was sie nicht selbst machen musste — begleitet von Kommunikationsstrategien, um sich am Arbeitsplatz für sich einzusetzen.
- Scheitern neu einordnen: bewusste Konfrontation, etwa den Entwurf einer Präsentation zu teilen, bevor er poliert war. Die Rückmeldungen waren deutlich positiv, und sie sah, dass ihr „gut genug" immer noch hervorragend war.
- Freude wiederfinden: Sie malte wieder, nach Jahren, und blockte jede Woche feste Zeit für sich.
Der Verlauf
Das erstreckte sich über acht Monate. Coaching wurde zu einem Ort, an dem sie neues Verhalten ausprobieren und darüber nachdenken konnte. Manche Wochen brachten Durchbrüche, andere Rückschritte; sie blieb dabei, im Verständnis, dass diese Art von Veränderung nicht linear verläuft.
Wir sahen den Fortschritt regelmäßig durch und würdigten auch kleine Schritte. Mit der Zeit wurde ihr klar, dass Balance und nicht Perfektion das war, was die Arbeit tragfähig machte.
Was sich verändert hat
- Sie schloss Aufgaben pünktlich ab, ohne endlose Überarbeitung, und vertraute ihrem Urteil genug, um mit dem Zerdenken aufzuhören.
- Nein zu sagen fiel ihr nicht mehr schwer, und sie nahm nach Jahren wieder Urlaub, ohne sich schuldig zu fühlen.
- Fehler machten ihr keine Angst mehr; Schwierigkeiten begegnete sie mit Neugier statt mit Beklemmung.
- Außerhalb der Arbeit fand sie zurück zu dem, was ihr Freude machte, und fühlte sich den Menschen um sie herum wieder näher.
Was andere daraus mitnehmen können
Perfektionismus ist keine feste Eigenschaft; mit der richtigen Begleitung lässt er sich verändern. Grenzen schaffen Raum für das, was zählt. Und Entwicklung braucht Zeit — jeder Schritt nach vorn ist es wert, gesehen zu werden.
Dies ist der anonymisierte und in Details veränderte Bericht eines einzelnen Verlaufs. Er beschreibt, was in dieser Zusammenarbeit möglich war, nicht ein Ergebnis, das sich zusichern ließe.